Wenn ich dich heute Nacht um drei Uhr wecke, kannst du mir ohne zu zögern sicher deine drei besten Gags erzählen. Das ist gut, so soll es sein.
Nicht so gut wäre es aber, wenn ich dich in zwei Jahren nochmal wecke, wieder um halb drei nachts, und du erzählst mir diese drei Gags genau so wieder.
Comedy macht zu einem sehr großen Teil Routine aus, das ist wahr.
Ständige Wiederholung, Feinschliff an Worten, Gesten, Betonungen – bis alles sitzt und verinnerlicht ist. Comedy ist Bildhauerei mit Worten.
Ein Bit ist fertig und führt zu einem weiteren Bit und einem weiteren – bis zu den magischen 10-15 Minuten, die so kugelrund und kugelsicher gespielt sind, dass sie nahezu überall funktionieren. Eben auch in Mix-Shows.
Glückwunsch, das ist definitiv ein weiterer Step als Comedian – vor allem, wenn es dazu führt, dass du auch für bezahlte Mix-Shows gebucht wirst. Die Routine hat sich gelohnt.
(Wie du dich für eine Show bewirbst habe ich bereits in diesem Artikel beschrieben)
Für eine Comedy Show bewerben – aber richtig! – Wie Comedy
Jetzt geht es los! Richtig? Richtig?
Ja, schon irgendwie – aber gerade jetzt gibt es einiges zu beachten.
Das Publikum ändert sich. Man hat jetzt Leute vor sich sitzen, die Geld für eine Comedy-Show gezahlt haben (zumindest mehr als den mittlerweile auch üblichen 10er für ein Open Mic).
Der gute Vorsatz, lachen zu wollen, bleibt bei den Leuten natürlich gleich, egal ob 10 oder 35 Euro pro Karte (und einige wollen da auch wirklich jeden Euro von ablachen).
Andere haben aber genau diese “Jetzt zeig mal was für meine 35-Euro”- Haltung, für die man gerne etwas anderes zur Hand hätte als Gags – zum Beispiel einen glühenden Lötkolben.
Okay, das ist jetzt ein subjektiver Wunsch, aber jeder muss halt mit diesen Miesepetern, gerne in der ersten Reihe hinter ihren verschränkten Armen, fertig werden.
Schalte den Autopiloten aus!
Aber, dank der geänderten Umstände kann (und sollte) deine Comedy auch wachsen.
Und auch, wenn dein Set für Mix-Shows bereits gut funktioniert, solltest du dabei nicht einfach auf Autopilot stellen.
Ich weiß, dass es passieren kann. Man ist selber nicht so gut drauf, das Publikum geht nicht so mit, wie man möchte, die Location gefällt einem nicht, bla. Die Routine übernimmt.
Es gibt genug Gründe einfach “abzuspulen”. Das ist falsch.
Zum einen natürlich gegenüber dem Publikum und auch deinen “Auftraggebern”, die dich buchten.
Nicht selten sind die ja auch vom Fach und moderieren die Show. Denen fällt schon auf, wenn es an dir liegt.
Außerdem darfst du nie glauben, dass dein Set tatsächlich “fertig” ist.
So etwas wie die endgültige Fassung eines Gags oder eines Bits gibt es nicht!
Man kann immer etwas verbessern, bzw. auch verändern, damit es in bestimmten Situationen funktioniert.
Für dieses Justieren sollte man auch bei scheinbar fertigen Bits immer ein offenes Ohr haben.
Auch die ältesten Comedians lernen immer was Neues
Bestes Beispiel: Jüngeres Publikum vs älteres Publikum.
Auch wenn die Punchlines vielleicht nicht angepasst werden müssen, so ist doch manchmal das Wording im Setup abhängig von der Altersstruktur (und damit auch dem Vorwissen) des Publikums.
Bei Älteren mit Jugendsprache drüberbügeln oder bei jüngeren eine Wissenslücke zu lassen, kann Gags killen.
Im günstigsten Fall hast du also verschiedene Varianten für deine Lieblings-Gags oder dein Mix-Show-Set und kannst es anpassen, wenn du siehst oder spürst, dass es in der normalen Gangart nicht so läuft wie gewünscht.
Das gilt für Inhalt, aber auch für die Form. Mal brauchst du etwas mehr Energie und schon gehen die Leute anders mit. Auch das musst du im Gefühl haben und zur Not auspacken können.
Wie das aussehen kann, habe ich bereits in diesem Artikel beschrieben:
Write clean, perform dirty – Plan B für deine Gags – Wie Comedy
Als Comedian lernst du nie aus – genau das ist auch das Reizvolle an diesem Job.
Und: das ständige Arbeiten an deinen Gags hilft dir auch, weitere Gags dazu zu finden.
Also, mache das zu deiner Routine!
Durch einen leicht veränderten (erzwungenen) Ansatz, gibt es vielleicht neue Winkel für neue Gags. Oder, alte Pointen, die du nie einbauen konntest, passen plötzlich dazu.
Fazit:

Comedy ist aus der Routine geboren, darf aber nicht in ihr verharren.
Es gibt immer kleinste Stellschrauben, die man nutzen kann, um seine Comedy in den jeweiligen Umständen verständlicher zu machen.
Die Schrauben findet man, in dem man immer ein offenes Ohr (und Auge) für das Publikum hat und ehrlich analysiert, warum etwas nicht so funktionierte wie geplant (bzw. gelernt).
Mit der Zeit, Übung und Offenheit fächert man seine Sets so auf, dass sie in Art und Performance überall gut funktionieren können.
Auch gerade bei Comedy stimmt die Aussage: Alles ist im Fluss.
